USA - Südwesten

Einfach mal Anders. Durch Nevada, Kalifornien, Arizona und New Mexiko.

Nach vielen Dirtroad- Kilometern durch Utahs Wüstenparadies fühlen wir uns, zurück auf den Straßen, irgendwie erschöpft. Und da wir ziemlich gut darin sind, unsere Pläne alle paar Tage über Bord zu werfen und Neue zu entwerfen, entscheiden wir, spontan nach Las Vegas zu trampen. An Tankstellen fragen wir uns durch und es dauert jedes Mal nicht lange, bis wir einen PickUp -Fahrer auftreiben können, der uns mitsamt Rädern und Gepäck ein Stückchen mitnimmt. Vor den östlichen Toren Las Vegas halten wir nochmal inne, campen mit Blick auf die leuchtende Skyline und dem großstädtischen Lichtermeer uns zu Füßen. Zahlreiche Flugzeuge und Hubschrauber sehen wir am Abendhimmel ein- und ausfliegen, wuselige Autos bewegen sich wie leuchtende Ameisen durch die Straßen, doch wir, am Rande der Stadt auf einem kleinen Hügel, sind wunderlicher Weise, ganz für uns alleine.

Am nächsten Tag schlagen wir uns dann ins Getümmel auf dem bekannten und sogenannten „Las Vegas-Strip“. Dort wo die Leuchttafeln riesig sind und knallig, sich die Themenwelten der Hotel-Kasinos aneinander reihen, riesige Springbrunnen ihr Ballett tanzen und man die Gelegenheit hat ein Selfie mit leicht bekleideten Frauen im Federkostüm oder männlichen Chippendales-Exemplaren zu bekommen. Die pure Reizüberflutung für mich. Meinen Augen fällt es schwer, sich zu fokussieren. Überall wuselt es und die zahlreichen Kasinos, Shops und Shows ringen lautstark um Aufmerksamkeit. Ich bin einfach nur froh, als ich am Abend ins komfortable Bett unseres Hotelzimmers falle (mein persönliches Highlight auf dem Strip).
Wirklich ein verrücktes Fleckchen Erde – dieses Las Vegas. Im Vorhinein war ich mir gar nicht sicher, ob ich überhaupt einen Fuß in die Stadt setzen will, die sich mitten in der Wüste Nevadas befindet und dessen Geschäftsmodell grundsätzlich auf der Verschwendung basiert. So dachte ich, und so ist es gewiss auch. Trotzdem hat sich die Reise hierhin gelohnt, allein schon weil wir Denise kennengelernt haben. Zwei weitere Nächte verbringen wir bei ihr, am äußeren Rand der Stadt. Die alleinstehende Frau ist politisch sehr engagiert und von ihr erfahren wir, welche Maßnahmen Las Vegas aus der Not heraus getroffen hat, um den Wasserverbrauch zu senken. Obwohl die Stadt zu den am schnellsten wachsenden der Welt gehört, konnte sie mit vielen innovativen Stellschrauben den Wasserverbrauch im Vergleich zu vor 20 Jahren nahezu um die Hälfte senken. Ein Konzept also, dass auch in anderen, von Dürre geplagten Großstädten der USA und auch in Teilen Europas zukünftig Sinn machen würde.
Als Wahlhelferin ist Denise in diesen Tagen sehr beschäftigt. Die Midterms stehen bevor und die Wahllokale sind teilweise schon für Early Voters geöffnet. Beim Spaziergang mit ihr, erleben wir, wie sie reihenweise junge Menschen anspricht und fragt, ob sie schon wählen waren oder wählen werden. Wir fallen aus allen Wolken, als sie erzählt, dass seit vielen Jahren nur etwa 20-30% der jungen Wähler (bis 29 Jahre) ihre Stimmen abgeben. Wahnsinn. Und tatsächlich: Kaum eine von Denise angesprochene Person hat sich mit den Wahlen beschäftigt oder hat die planmäßige Absicht eine  Stimme abzugeben. Ist das Resignation? Zugegeben, das Zweiparteien-System und alte, weiße Parteiführer, machen die Wahl für junge Menschen bestimmt nicht attraktiver. Denise jedenfalls verwendet viel Energie darauf, junge Menschen zum Wählen zu bringen. Schließlich ginge es um Ihre Zukunft und nicht um die der Rentner. Wie sich nach  den Midterms herausstellen wird, ist die Wahlbeteiligung junger Menschen seit langer Zeit mal wieder bedeutend höher gewesen. Ein Grund dafür sind mit Sicherheit die neuen Abtreibungsgesetzte. 

Nach diesem Großstadt-Erlebnis geht unsere Reise weiter. Immer noch gilt das Motto: „Einfach Mal anders“ und so kommt es, dass wir unsere Räder in einen kleinen Mietwagen quetschen und auf dem Highway in Richtung Mojave-Wüste cruisen. Aus den Boxen tönt ‚The Highwayman‘ von Willie Nelson und Co, als der Abendhimmel sich stimmungsvoll verfärbt. Ganz der amerikanische Roadmovie-Traum, denke ich mir und labe mich in dem Genuss, wie leicht und mühelos wir uns fortbewegen. Drei Tage gönnen wir uns diesen Luxus.

Durch die einzigartige Vegetation des Joshua-Tree-Nationalparks fahren wir zum Salton Sea, dem größten See Kaliforniens, der Anfang des 20igsten Jahrhunderts durch einen Dammbruch des Colorado Rivers entstanden ist. Jahrzehntelang war der See ein beliebtes Urlaubsziel. Heute jedoch sind die Urlaubsorte weitgehend verwaist, denn dem See fehlt es an einem natürlichen Zu- und Ablauf, was dazu führt, dass das Wasser langsam verdunstet und der Salzgehalt steigt. Hinzu kommt, dass Düngemittel von der umliegenden Landwirtschaft in den See gelangt. All das führt zu einer fortschreitenden Zerstörung des Ökosystems. Während viele Bewohner die Orte verlassen haben, sind es Künstler, die sich heute in Orten wie Bombay Beach von der Thematik und Problematik des Sees, sowie seiner apokalyptischen Atmosphäre inspirieren lassen und mit ihren Installationen für bizarre Eindrücke sorgen. Bald könnte jedoch alles wieder anders werden, dort am Salton Sea. Tief in der Erde schlummern riesige Lithiumvorkommen die das Interesse großer Investoren auf sich ziehen. Bleibt zu hoffen, dass die Lithium- Firmen faire Arbeitsplätze für die vorwiegend hispanische Bevölkerung schaffen und sie ebenso investieren in das Ökosystem und die Generierung von Trinkwasser, damit die Region am Salton Sea irgendwann wieder eine Perspektive hat.

Durch den Süden Arizonas und das Kakteen reiche Reservat amerikanischer Ureinwohner (Tohono O’odham Nation) führt uns der Roadtrip nach Tucson, wo wir das Auto wieder abgeben und ein paar Tage verbringen. Der perfekte Zeitpunkt um dort zu sein, denn es findet die „Parade of the Dead“ statt. Eine Tradition, die aus dem Mexikanischen kommt (Dia de los Muertos) und dazu dient, die Verstorbenen zu ehren. Dabei geht es sehr lebensbejahend zu. Feierlich, schräg, eigenartig, besinnlich und auch fröhlich. Geschminkt und in farbenfrohen Kostümen ziehen Massen durch die Straßen, darunter auch wir. Wie Wesen aus einer Art Zwischenwelt. Angeführt wird die Parade von einem kunstvoll gestalteten Kubus, der den Menschen als Briefkasten dient. Jeder und Jede kann dort eine Nachricht an Verstorbene einschmeißen. Am Ende der Parade wird dann, begleitet von viel Musik und Tanz, der Kubus verbrannt und all die Nachrichten ziehen in Rauch und Flammen dem Himmel, den Verstorbenen entgegen. Mir gefällt dieses Ritual total. Es gibt Hinterbliebenen die Möglichkeit jedes Jahr ihre Liebsten im Jenseits zu feiern, sich für sie zu verkleiden, über sie zu reden, für sie zu tanzen, wild und lebendig zu sein. Bilder der Toten sind auf T-Shirts gedruckt, baumeln an Regenschirmen, werden in Bilderrahmen mitgetragen, hoch gehalten oder in Wägen mit geschoben. Sie sind eben sehr präsent an diesem Tag, jedes Jahr aufs Neue, in einer Atmosphäre die mehr von Leichtigkeit als von Schwere geprägt ist. Eine Feier des Lebens und des Todes.

Vorbei an den sagenhaft riesigen Suguaro Kakteen geht die Reise aus Tucson heraus wieder mit dem Fahrrad weiter. Zum Glück, denn nur in Fahrradtempo kann man meiner Meinung nach die stachelige Vegetation in Ruhe studieren und bewundern. Der für die Gegend so bekannte Saguaro Kaktus ist wirklich ein Wunder. Wer mehr über ihn erfahren möchte, sollte unbedingt diesen Geolino-Bericht lesen:

Saguaro-Kakteen: Zähe Burschen – [GEOLINO]

In Patagonia, einem Ort, unweit der mexikanischen Grenze, suchen wir bei Dunkelheit einen Platz für unser Zelt, als uns John in seinem Pickup-Truck anhält und einlädt, die Nacht auf seiner „Rocking Chair Ranch“ zu verbringen. Happy darüber, dass wir vertrauensvoll seine Einladung bei Dunkelheit annehmen, bekommen wir bei der Ankunft erst mal einen Whisky auf Eis serviert und werden am offenen Kamin im Rocking Chair (Schaukelstuhl) platziert. Bis spät in die Nacht quasseln wir übers Reisen, den amerikanischen Lifestyle, Waffengesetze und andere kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern. Am nächsten Tag helfen wir bei der Renovierung des Cowboy-Häuschens und verbringen glatt noch eine Nacht auf der Ranch. Zeit, mal wieder Spätzle zu schaben und John ein traditionell, schwäbisches Gericht zu servieren. Käsespätzle.

Die kommenden Kilometer auf dem Rad schlängeln sich mehr oder weniger entlang der mexikanischen Grenze. Mal trennt uns die berühmte Trump-Mauer, mal ein hüfthoher Zaun oder eine Aneinanderreihung ausrangierter Schiffscontainer von dem Nachbarland. Letztere Abgrenzung ist eine improvisierte Maßnahme des republikanischen Gouverneur von Arizona. Zahlreiche Container werden auf diesem Streckenabschnitt an uns vorbei an die Grenze gezogen, wo die Containermauer täglich länger und länger wird. Heute sind es schon mehrere Tausend. Ein riesiger Aufwand und eine Bedrohung für die Tierwelt die ihre natürlichen Wege in der eh schon von Dürre geplagten Region nicht mehr nachgehen können. Eine Ressourcenverschwendung nicht nur in Bezug auf die Frage ob es eine Lösung für die Menschheit sein kann, Grenzen zu mauern, sonder auch, weil äußerst fraglich ist, ob Fluchtwege dadurch wirklich blockiert werden können. Abgesehen davon gibt es für dieses Projekt nicht mal eine offizielle Genehmigung. Dafür Rechtsstreit. Jüngst hat Arizona bei den Midterms allerdings den republikanischen Gouverneur Doug Ducey abgewählt. Spätestens im Januar, wenn die neu gewählte, demokratische Gouverneurin ins Amt kommt, wird das Projekt also mutmaßlich wieder gestoppt werden. Was dann bleibt, sind haufenweise Container im Wüstenstreifen zwischen der USA und Mexiko und ich frage mich: Werden die dann alle wieder weg gefahren?!

Neben den dort stattfindenden Merkwürdigkeiten bleiben wir nicht unberührt vom landschaftlichen Zauber der Region. Goldene Gräser, knorrige Mesquite-Bäume, Kakteen und die vertrocknet Blütenstände der Agaven begleiten uns auf dem Weg nach Bisbee.
Bisbee ist eine von vielen Minenstädten durch die uns unsere Reise im Süden Arizonas und später in New Mexico, führt. Im 19. Jahrhundert siedelten zahlreiche Menschen dort wegen der hohen Kupfer-, Silber- und Goldvorkommen. Heute gibt es immer noch große, aktive Minen und vor allem der Abbau von Kupfer ist sehr gefragt. Die meisten Orte allerdings sind, seitdem der Goldrausch verflogen ist, nahezu ausgestorben oder dienen hauptsächlich touristischen Zwecken. Nur noch die Geschäftsfassaden entlang der Hauptstraßen erinnern an die vergangene Zeit und man kann sich wahrlich die Szenerie vorstellen: Streiks, Revierkämpfe, Schießereien zwischen Cowboys und Saufbolde in den Saloons. Apropos Saloons….
Wir haben große Freude an den übriggeblieben und wirklich urigen Exemplaren. Vor allem dann, wenn Karaoke stattfindet. Und das kommt oft vor.
Ein Moment wird mir da besonders in Erinnerung bleiben: Eine Frau in Bluse und Lederweste kommt schüchternen Blickes auf die Bühne, greift zum Mikrofon und singt voller Inbrunst und äußerst authentisch „Blue Moon of Kentucky“.
Dabei überkommt mich eine Mischung aus Gänsehaut, weil es mich rührt mit wie viel Lebensgefühl und vielleicht auch Erinnerungen im Ausdruck dieser Frau stecken. Begeisterung, weil ich irgendwie mitgerissen bin von der Stimmung, bei der sich sogar einige Paare trauen ihr Tanzbein zu schwingen zu den Liedern, die Ihnen offensichtlich viel bedeuten. Und gleichzeitig fremdelt es mir ein kleines Bisschen bei dem ganzen Patriotismus der in diesen Saloons halt auch mitschwingt, so voll behangen mit amerikanischen Flaggen.

In New Mexico radeln wir durch die Berge des Gila National Forest, als kurz vorm Erreichen eines Berpasses ein Auto hupend an mir vorbei rauscht. Das Fenster des Beifahrers ist runter gekurbelt. Ein Arm lehnt auf dem Sims und als ich genauer hinsehe, bemerke ich, dass die Person provozierend eine Knarre in die Höhe hält. Arschloch. Schon das Zweite dieser Art in der USA. Ich muss mich wahnsinnig aufregen als ich schließlich die Passhöhe und mit ihr auch Chris erreicht habe. Ich kann einfach nicht verstehen wie Auto-besessen manche Menschen denken, Fahrräder hätten nichts auf den Straßen verloren. Ich erläutere jetzt mal nicht, was da alles auf dem Bergpass aus mir raus blubberte. Da kommt Hilsboro wenige Kilometer später genau richtig. Es dämmert bereits als wir den Ort erreichen und der kleine Lebensmittelladen hat leider auch schon geschlossen. Ein Bier wäre mir an diesem Feierabend recht gewesen. Etwas planlos fahren wir die Straße auf und ab, als eine Frau auf uns aufmerksam wird. Ob wir Hilfe bräuchten? Wir könnten gerne im City Park campen, die Bewohner des Ortes würden nichts dagegen haben! Es stellt sich heraus: Sogar im Gegenteil. Eine Flasche Wein und Feuerholz wird uns nämlich auch gleich auch noch organisiert. In der Nacht gibt es dann einen Autounfalll unweit von unserem Zeltplatz. Ein junger Mann aus dem Ort hat einen Drink zu viel gehabt und kracht gegen die Leitplanke einer Brücke. Sofort finden sich einige Nachbarn ein, helfen dem Mann die Schäden zu beheben, bevor die Polizei irgendetwas mitbekommt. Das ist Hilsboro, erklärt uns David am nächsten Tag, da hilft man sich gegenseitig. Er sei vor einigen Jahren, genau wie wir, auf der Durchreise gewesen und war von der Gemeinschaft des Ortes so angetan, dass er einfach geblieben ist. Der herzliche Empfang in Hilsboro und das Engagment der Leute haben meinen Frust vom Vortag wie weggeblasen. Beseelt rollen wir runter, ins Tal des Rio Grande. Es folgt der vorläufig letzte Radelabschnitt im Westen der USA.
Von Chilli-, Baumwoll- und Pecannuss-Plantagen geprägt, sind die Kilometer nach El Paso eher eintönig. Da kommt uns die Einladung in eine der größten Chilli-Gewürzfabriken der Gegend gerade recht. Es ist der Senior-Chef höchstpersönlich, der uns eine kleinen Führung durchs Labor gibt und uns anschließend stolz seine schweren Bronzestatuen vorstellt, die er allesamt persönlich hat anfertigen lassen.
Auf uns macht es den Eindruck, als ob der etwa achtzig jährige Firmenchef nicht mehr viel mit dem laufenden Geschäft zu tun hat. Sondern es vielmehr genießt, bis an sein Lebensende adrett gekleidet, mit goldener Brille und nach hinten geschleimtem Haar hinter seinem mächtigen Schreibtisch aus dunklem Massivholz zu sitzen und zusammen mit seinem frisierten Pudel-Weibchen Gäste durch seine Firma zu führen.
Zum Abschied bekommen wir etwa 2 Kilo verschiedene Chili-Gewürzmischungen geschenkt. Scharfe Zeiten stehen uns bevor :).

In El Paso angekommen, fühlt es sich an, als wären wir bereits in Mexiko. 70 % der Bevölkerung ist Hispanisch, entsprechend sind die Geschäfte und Restaurants davon geprägt. Überall hört man Menschen spanisch sprechen, was uns schmerzhaft daran erinnert, dass wir immer noch nicht ernsthaft angefangen haben, die Sprache zu lernen.
El Paso liegt inmitten der Chihuahua-Wüste, ganz im Westen von Texas und an der Grenze zu New Mexiko und Mexiko. Im Grunde könnten wir hier die USA verlassen und weiter nach Mexiko reisen. Später. Uns zieht es noch in die Südstaaten des Landes. Die Reise führt uns mit dem Zug nach New Orleans weiter. 35 Stunden Zugfahrt. Viel Zeit um aus dem Fenster zu gucken und zu beobachten, wie texanische Steppe sich langsam zu subtropisch-grünem Terrain verwandelt.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Anselm Nathanael Pahnke

    Danke für die Eindrücke – Wunderschön erzählte Geschichten die alles sehr gut nachvollziehen machen.

Schreibe einen Kommentar