Lappland im Winter

von Demut, glücklichen Zufällen und beeindruckender Naturkunst in klirrender Kälte

Über der Straße liegt ein wehender Schneeschleier. Alles ist so wolkig-weiß, dass der Horizont sich mit dem Himmel zu vereinen scheint. Nein, wir sind nicht hoch droben in den Wolken, sondern im winterlichen Lappland zusammen mit unseren Freunden Ivan, Anselm und Lotta. An unterschiedlichen Orten der Welt sind wir uns alle zufällig begegnet. Wir teilten gemeinsame Kilometer auf dem Reiserad, aus denen Freundschaften entstanden sind und der gemeinsame Traum einer Winterradreise in Lappland.

Anfang diesen Jahres ging es dann endlich in die Planung und Recherche. Eine Phase die ich immer besonders liebe, da sie geprägt ist von Vorfreude und Aufregung. Das Internet ist voll von spezieller Winter-Outdoorausrüstung. Technisch gut durchdachte Dinge für die es allerdings auch den nötigen Geldbeutel braucht. Viel mehr Freude macht es uns, die umliegenden Recycling- und Secondhandkaufhäuser abzuklappern, selbst die Nähnadel in die Hand zu nehmen und den Keller nach nützlichem Material zu durchforsten das die Welt sowieso schon für uns bereit hält. So vergehen Wochen, in denen wir Gemüse dörren, aus einer alten Felljacke sogenannte Pogies (Lenkerstulpen) nähen, den Schlafsack kurzerhand selbst mit einem Kilo mehr Daune füllen, Spikereifen aufziehen und uns nebenher stimmungsvoll von finnischer Volksmusik berieseln lassen. Fünf Tage dauert die Anreise ohne Flug. Zuerst mit der Fähre von Travemünde nach Helsinki und von dort mit dem Zug gen Norden, haben wir Zeit den Alltag hinter uns zu lassen und in der Reise anzukommen. Die Endstation lautet KOLARI. Eine Gemeinde im finnischen Teil Lapplands und nördlichster Bahnhof des Landes.
Erst mit der Fähre von Travemünde....
...nach Helsinki
Dann mit dem Zug von Helsinki...
...nach Kolari
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Glücklich darüber, endlich am Ausgangspunkt unserer Radreise angekommen zu sein, stehen wir am Bahngleis. Mit uns unsere Fahrräder und ein riesiger Haufen Taschen und Material. Die Kälte lässt nicht auf sich warten und empfängt uns mit solch einer klirrenden Präsenz, dass wir erst mal in wärmere Klamotten schlüpfen, bevor wir uns daran machen alles zu montieren. Das Bahnhofsthermometer meldet -14 Grad als wir los ziehen um die letzten Besorgungen zu tätigen.
Gerade wie wir an der Tankstelle noch unsere Benzinflaschen für den Campingkocher auffüllen, hält ein Auto neben uns an. Taneli, ebenfalls Radreisender, freut sich so sehr über uns und unsere bepackten Räder, dass er uns prompt zu sich nach Hause, zum Essen, Schlafen und Saunieren, einlädt. Was für ein schöner Reisestart!
Im Laufe der kommenden Wochen werden wir immer wieder in den Genuss einer Sauna kommen und dabei auch so einiges über die finnische Saunakultur erfahren. Dass es in der Vergangenheit und teilweise auch heute noch üblich ist, Kinder in der Sauna zu gebären, die Toten in eben Diesen zu waschen und zu verabschieden oder politische Korrespondenz zwischen Finnland und Russland zu betreiben. Scheinbar war es auch lange so, dass Familien, die ein Haus bauten, zu aller erst die Sauna und den dazugehörigen Umkleide-/ Aufenthaltsraum fertig stellten um dann so lange darin zu leben, bis das eigentliche Wohnhaus bezugsfertig war. Der Dampf der aufsteigt, wenn man eine Kelle Wasser auf die heißen Steine gibt ist die gute Seele, der Spirit der die Sauna erfüllt. Und dann ist da auch noch das Treatment mit den Birkenzweigen…. Hach, es gäbe noch so viel spannendes darüber zu erfahren!

Gut genährt, ausgeschlafen und durch unsere erste finnische Sauna gewärmt, brechen wir am nächsten Tag dann endgültig auf. Mit schnurrenden Spikereifen und umgeben von einer winter-weißen Wunderwelt rollen wir die vereiste Straße entlang des Pallas Yllästunturi Nationalparks. Dabei versuchen wir keines Falls zu schwitzen, um nasse und damit auskühlende Kleidung am Körper zu vermeiden. Leichter gesagt als getan, denn das vermeintlich flache Finnland entpuppt sich als hügeliges Land und so halten wir immer wieder an, um unser zwiebeliges Kleidungsprinzip dem Temperaturempfinden anzupassen.
Schon früh kündigt sich die Dämmerung an. Auf der Suche nach einem geeigneten Lagerplatz werden wir auf einem zugefrorenen See fündig. Wie auf einem weißen Tablett, präsentiert er uns für die Nacht einen perfekt ebenen Untergrund und eine wunderschöne Weitsicht an das andere Ufer. Um keine Tageslichtzeit zu verlieren, teilen wir uns auf. Die Einen schaufeln Flächen für die Zelte frei, die Anderen machen sich mit Axt und Säge auf die Suche nach totem Holz für das wärmende Lagerfeuer. Bei jedem Handgriff merke ich, wie viel komplizierter alles in der Kälte ist. Doch dieser Aufwand hilft uns dabei warm und in Bewegung zu bleiben. Als es schon dunkel ist, sind die Zelte endlich aufgebaut und auch das Küchenteam meldet, dass die Gemüsepolenta gar ist. Ums Feuer herum, auf Fellen und Isomatten sitzend, machen wir uns hungrig über das Essen her. Eine Weile noch schauen wir dem Feuer zu, lachen über die Erlebnisse des Tages, während wir ununterbrochen in den Töpfen Schnee schmelzen um genug Trinkwasser für den nächsten Tag zu haben.

Später im Schlafsack staune ich über die Stille, freue mich über den gefrorenen See direkt unter mir und bin dankbar für die warm eingepackten Füße in den Daunensocken, während ich langsam den Träumen verfalle. Am Morgen klebt gefrorene Atemluft an den Zeltwänden und bei jedem Windhauch schneit glitzernder Schneestaub auf mich herab, während ich, den Schlafsack zugeschnürt bis zur Nasenspitze, mich mental darauf vorbereite die wohlige Wärme zu verlassen um mir einen Platz zum Pinkeln frei zu schaufeln.
In den kommenden Tagen schneit es unentwegt. Die Straße die wir gewählt haben hat für die Räumfahrzeuge nicht die höchste Priorität. Für uns bedeutet das mühevolles Vorankommen unter schwierigen Straßenbedingungen. Aber für dieses Abenteuer sind wir ja schließlich hier her gereist. Der Zauber der Schneeflocken, der gleichmäßige Tritt und die allumfassend weiße, sich im Schlaf befindende Landschaft versetzt mich in einen Trance-artigen Zustand. Hier und da sieht man die Rentiere mit Leichtigkeit übers Schneefeld huschen, entdeckt man mit viel Glück auch mal einen Elch oder lauscht einfach nur der Stille.

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Zu unserem täglichen Frühstück bereiten wir Porridge mit getrockneten Früchten und Nüssen zu. Der Einfachheit halber gehen wir dazu über gemeinsam aus einem Topf zu essen. Das erspart uns das unnötige Abspülen zahlreicher Teller mit schmerzhaft kalten Händen. Zum Mittagessen gibt es oft Knäckebrot mit Käse, Erdnussmus und viel Butter. Abends dann kochen wir wann immer es geht auf dem Feuer. Linsen, Nudeln und Polenta mit getrocknetem oder auch frischem Gemüse, sorgen dabei für Glücksgefühle am Ende des Tages. Rund ums Essen erleben wir so einiges. Wenn der Käse oder das Gemüse steinhart gefroren ist, dann hilft nur noch die Säge. Auch lernen wir, dass sich Plastiklöffel anbieten, da die Gefahr besteht mit der Zunge an der metallenen Ausführung kleben zu bleiben, wenn man nicht schnell genug isst. Für Ivan, unseren bulgarischen Begleiter, ist der Verzehr von Eiern auf solch einer Reise undenkbar. Und so experimentieren wir, wie sich das gebrechliche Gut transportieren lässt, sich die Eier im Frost verhalten und auf welche Weise sich das Endergebnis zubereiten lässt.

Finnland hat eine wunderbare Schutzhüttenkultur. Es gibt die sogenannte Laavu, ein hölzerner Unterstand der zu einer Seite hin offen ist, und die Kota, eine geschlossene Hütte die an ein Tipi erinnert, mit einer Feuerstelle in der Mitte des Raumes. Immer wieder kommen wir in den Genuss, die Nacht an einem dieser Orten zu verbringen. Auch wenn wir den Weg dahin meist erst freischaufeln müssen, fühlt es sich unglaublich komfortabel an, dort dann eine schneefreie Zone zum Kochen und Schlafen zu haben.

Als wir in Sirkka ankommen, klart das Wetter auf. Zum Glück, denn vor uns liegen mehrere Tagesetappen ohne Schutz- und Einkaufsmöglichkeiten. Vollgepackt mit Essen für die kommenden Tage, biegen wir ab auf die einsame Straße hoch nach Inari. Die Sonne scheint und lässt die weiß gefrorenen Baumwipfel zauberhaft glitzern. Die Temperatur singt herab auf -30 Grad in der Nacht, während wir, um warm zu bleiben, den Abend damit verbringen die Straße auf und ab zu laufen. Weit entfernt von künstlichem Licht und nach vielen Tagen des Wartens und Hoffens, sind sie dann endlich da. Grün und magisch tanzen die Nordlichter über den nächtlich-klaren Sternenhimmel.

Die Bäume werden immer kleiner, je weiter wir in den Norden kommen. Als wir uns der Küste zum Eismeer nähern, verschwinden sie schließlich vollkommen und die Landschaft, kahl und weiß, lädt den Wind ein, bedingungslos zu pusten. Hintereinander her, im Windschatten des Vordermanns, bzw. der Vorderfrau, erreichen wir auf norwegischer Seite den zugefrorenen Porsangerfjord.
Majestätisch erstrahlen die Berge der Küstenregion im Licht- und Schattenspiel des schnell vorbeiziehenden Sonnen- und Wolkengemischs. Eisschollen, kleine Fischerorte und das tiefe Blau des Wassers machen die Szenerie perfekt. Berauscht davon fliegen wir auf unseren schwer bepackten Rädern nur so dahin. Es ist die Schlichtheit der Farben, die feinen Nuancen die sich auftun, welche diesen Anblick zu einem der größten Kunstwerke der Natur machen, die ich je gesehen habe.

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In Norwegen machen wir es uns zum Hobby, die Abfallcontainer der Supermärkte aufzusuchen. Wir finden dort gut erhaltene Lebensmittel, von Schokolade, Knäckebrot und Jogurt über Obst, Gemüse, Käse und ohne Ende Backwaren. Was bei uns als erfahrene Foodsaver immer noch auf große Verständnislosigkeit und auch Wut stößt, ist im teuren Norwegen gleichzeitig eine super Möglichkeit um günstig durchs Land zu reisen. Die Container gerade in den kleineren Märkten auf dem Land, sind meist gut zugänglich und bieten sich zum Lebensmittel retten nur so an!

In Havøysund angekommen, dem nördlichsten Punkt unserer Reise, steigen wir in das Hurtigrutenschiff nach Berlevåg. Schon auf dem Wasser kündigt sich stürmisches Wetter an. Von Seekrankheit geplagt bin ich unglaublich froh, als wir spät am Abend endlich wieder das Festland erreichen.
Begleitet vom Naturschauspiel der Nordlichter schaffen wir es im eisigen Sturm irgendwie unsere Zelte aufzubauen und im Geräusch des Zeltgeflatters auch irgendwann einzuschlafen. Am nächsten Morgen allerdings biegen sich die Zeltstangen nur so über uns. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen einfach liegen zu bleiben und den nächsten Tag abzuwarten. Wir beschließen dennoch die Zelte abzubauen und weiter zu fahren. Unsere Wangen brennen unter der Wucht des kalten Windes, während wir hektisch unsere sieben Sachen zusammen packen. Dabei rennen und stürzen wir mehrfach davon fliegenden Teilen hinterher, bis alles in Sack und Pack verstaut ist.
Wieder auf der Straße, den Böen ausgesetzt, fällt es uns schwer die Kontrolle über das Fahrrad zu behalten. Der Sturm weht so viel Schnee mit sich, dass auch die Sicht nur sehr eingeschränkt möglich ist. Als uns dann ein Schneepflug fast umfährt, begreifen wir, wie fahrlässig es wäre weiter zu fahren.
Es ist ein riesig großes Geschenk, dass der Fahrer des Schneepflugs spontan anbietet, uns zu den unbewohnten Gebäuden des Leuchtturms zu fahren. Sie befinden sich sechs Kilometer entfernt von Berlevåg und können uns möglicherweise Windschutz bieten.

Dort angekommen prüfen wir im Sturme taumelnd jede einzelne Tür der ehemaligen Fischer- und Leuchtturmwärterhäuschen. Eine nach der anderen scheint verschlossen, bis wir endlich Glück haben und ein offenes Haus finden. Völlig verweht und überwältigt von diesem glücklichen Zufall, genießen wir den Abend während draußen der Wind und die Wellen peitschen.

Auf dieser Reise gibt es immer wieder Momente in denen ich mich frage, warum wir ausgerechnet eine so absurde und menschenfeindliche Landschaft zum Rad fahren ausgesucht haben. Es ist die Extreme die es so reizvoll macht. Die Gewissheit, dass es unter solch rauen Bedingungen nur auf Wesentliches ankommt. Von diesem Gefühl genährt und umgeben von unwirklich schöner Landschaft, sind das Erlebnisse die mir ein Leben lang bleiben und mich über mich hinaus wachsen lassen. Vielleicht ist es auch die Komik der Extreme, die Tatsache, dass uns die Natur zu ihren Spielbällen macht, uns so klein und machtlos sein lässt, dass die einfachsten Dinge von denen man denkt sie zu beherrschen, plötzlich in Frage gestellt sind. Ich empfinde Demut und das erscheint mir wichtiger den je.

SÁMI SOGA LÁVLLA

„Weit gen Nord schimmert Sápmi
sanft im Schein des großen Bären (Sternbild)
See an See soweit das Auge reicht.
Hänge, Grate, kahle Felsen
heben sich zum Himmelszelt.
Flüsse brausen, Wälder rauschen,
stahlgraue, steile Felsenspitzen schießen
sich gegen das wilde Meer hinaus.
Winterzeit mit Sturm und Kälte
Schneegestöber ohne Maß und Ziel.
Doch das Samigeschlecht von Herzen
hängt am Heim und seinem Tun.
Für einen Wanderer scheint der Mond,

 

Nordlicht flimmert, Sterne funkeln.
Rentierruf wird im Gebüsch vernommen
Saus und Braus von See und Tundra,
Schlittengeräusche entlang des Winterweges.
Und wenn die Sommersonne leuchtet
Berg und Wald, Meer und Strände,
schaukeln Fischer still im Goldglanz,
schaukeln still auf Meer und See.
Golden glänzen nun die Vögel
und wie Silber glänzt der Strom.
Ruder glimmen, Riemen glitzern,
durch die Stille und durch Strudel
fährt das Volk hin mit Gesang.“

Auszug und deutsche Übersetzung aus dem Lied des Samivolkes

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Heike

    Danke für diesen wunderbaren Bericht, der mich eure erlittene Kälte unter meiner warmen Bettdecke spüren lässt.
    Ganz liebe Grüße euch.
    Heike

  2. Harald

    Beeindruckend…mir fehlen die Worte. Klasse Leistung und für Euch unvergesslich. Hat mich sehr an meine Schlittenhundetour in dieser Region erinnert.
    Seid alle herzlich gegrüßt!

  3. Anselm

    Wunderbar. Danke fürs hineinfühlen.

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