Kirgistan

Reiseglück. So dolle, dass der Bauch kribbelt.

Eines Tages in Kasachstan fragt mich Christian, ob die Reise den Vorstellungen und Erwartungen entspricht die ich zuvor hatte. JA das tut es, nur dass alles noch viel intensiver ist.

Die Menschen sind offenherziger als ich es mir vorstellen hätte können. Die Natur ist berührender, wilder und weiter als gehofft. Die Wege sind holperiger (mag daran liegen, dass wir es immer so wählen, denn wo´s holpert da ist´s schön ;)). Das Leben ist einfacher und besitzloser, sowohl das der Einheimischen als auch unser Campingleben. Außer dem Eis aus der Orangerie, Maultaschen oder der schaumigen Milch auf dem Kaffee vermisse ich jedoch nichts. Ich liebe die frischlich-knackigen Duscheinheiten im Bach, die frische Luft im Zeltbettchen und die Windböen die die Zeltwände gemütlich knistern lassen. Ich staune täglich über die Aussichten, das Panorama das sich uns bietet in unserem kostenfreien kleinen und mobilen Tenthotel.

Die Steilheit der Wege, das Erklettern der Pässe ist anstrengend, zwingt uns nur all zu oft dazu die Räder zu schieben und trotzdem fällt es mir leichter als befürchtet. Ja manchmal müssen wir einfach nur laut lachen über die Wahl unserer Routen. Aber sie sind abwechslungsreich, spektakulär und nun mal viel bezaubernder als einfach die asphaltierte Hauptstraße durchs Land zu nehmen. Dort nämlich, auf den langen geraden Strecken, die sich manchmal auch nicht umgehen lassen, bin ich mental ziemlich herausgefordert. Ich bin am verzweifeln wenn ich am Anfang des Tages schon sehe, wo wir am Abend das Zelt aufstellen werden. (Da hilft nur Hörspiel)

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Bei allem Schönen und Aufregendem gibts mit zunehmendem Reisealltag jedenfalls auch manchmal Tiefen. Erst dieser Tage zum Beispiel hier in Kirgistan, stand ein extrem steiler und steiniger Pass an. In der Nacht auf 3600m bekam ich Schüttelfrost und Fieber. Da hat mich tatsächlich die Höhenkrankheit erwischt. Zurück wollte ich aber nicht und so schleppte ich mich am nächsten Tag deutlich geschwächt , Stück für Stück den Pass auf 4000m hinauf. Das Tal das uns auf der andren Seite erwartete entschädigte alle Strapazen und zum Glück ging es mir mit Sinken der Höhe immer besser. Als wir dann nach drei schönen Tagen der Holper-Abfahrt, Flussüberquerungen, Almwiesen und Canyon-Landschaften wieder in die Zivilisation, in eine kleine Stadt kommen, ist bei mir plötzlich die Luft raus. Dann erfahren wir auch noch von dem Attentat im Pamirgebirge auf einige Radreisende. Eine Strecke die auch wir vorhaben zu fahren in wenigen Wochen. Shit, das holt einen mal kurz ganz schön raus aus der Reiseromantik.

Am kommenden morgen will ich den Schlafsack einfach nicht verlassen. Schon gar nicht um den ganzen Tag wieder Fahrrad zu fahren. Widerwillig krieche ich aus dem Zelt, muss auf Toilette aber wo bitteschön kann man hier mitten im Stadtpark unbeobachtet seine morgendlichen Geschäfte verrichten??? Mir ist zum Heulen zumute und ich hab so gar keinen Bock auf die kommenden Kilometer. Das Frühstück dann hilft mir ein wenig und der Zufall will es, dass ausgerechnet an diesem Morgen neuer Musikinput, eine Playlist vom tollen Anne-Schwesterle, eingetrudelt kommt (genial, dass so was möglich ist!). Der Sound treibt mich an und auf einmal ist alles nur noch halb so wild. Als dann auch noch ein Minibus hält, uns eine Mitfahrgelegenheit bis zum 1000m höher gelegendem Pass anbietet denken wir: OK, ausnahmsweise! und schwups sitzen wir breit grinsend im gemütlichen Gefährt. Dann kommt auch noch ein Gewitter und der Regen prasselt aufs Autodach. Es ist einfach irrsinnig gemütlich und an diesem Tag das größte Geschenk das man mir hätte machen können. Als wir am Pass raus gelassen werden und ich dann mit der neuen Musik auf den Ohren abwärts rolle, fühlt es sich an wie fliegen. Das Reiseglück ist zurück, so dolle dass es im Bauch kribbelt!

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Während wir zur Mittagspause am Ufer eines kleinen Dorfbächleins sitzen, beobachten wir wie sich uns eine Familie mit zusammengerolltem Teppich und Eimern nähert und nur wenige Meter von uns entfernt den Teppich zum Waschen am Boden ausbreitet. Fleißig machen sie sich daran eimerweise Wasser auf den Teppich zu schütten, diesen zu schrubben. Als die Eltern sich nach kurzer Zeit entfernen, schauen ihnen die Kinder nach, bis sie um die Ecke gebogen sind. Dann beginnt mit großem Gekicher eine ausgelassene Wasserschlacht. Nur halbherzig wird hin und wieder ein wenig am Teppich rumgeschrubbt, doch als die Mutter mit Essen zurückkehrt, ist sie zufrieden und der Teppich wird zum Trocknen in die Sonne gelegt. Zuvor, beim Einkauf im Dorflädelchen, werden wir höchst kompetent von einem 10jährigen Mädchen bedient. Strahlend gibt sie die Preise bekannt, fragt wo wir herkommen, wie alt wir sind und witzelt darüber dass wir noch nicht verheiratet und keine Kinder haben. Uns begegnen viele Kinder beim Verrichten von Arbeit auf dem Feld bei der Kartoffelernte, auf Pferden und Eseln reitend beim Herde eintreiben, beim Wasser holen am Dorfbrunnen und vielem mehr. Ich bin wirklich beeindruckt wie fleißig und stolz die Kinder diese essentiellen Aufgaben verrichten und dabei so viel Witz und Verstand anwenden. Einfach pfiffig!

Hoch droben in der atemberaubenden Berglandschaft Kirgistans finden sich viele Hirten die den Sommer über in den Jurten wohnen. Wenn uns das Essen ausging, konnten wir dort Zwiebeln, Kartoffeln und oberleckeres, selbstgebackenens Brot kaufen. Oft bekamen wir die Gaben sogar geschenkt, ob wir wollten oder nicht. Einmal folgten wir der Einladung zweier Cousins, deren Alm einfach nur traumhaft gelegen am Fuße eines Gletschers liegt. Uns wurde ein Festmahl bereitet in einer Art großen Wokpfanne, gebrutzelt auf offenem Feuer in einem Erdloch. Das frische Schafsfleisch hierfür, welches makaberer Weise an einer Leine hängend über dem Schafsgatter an der Luft gelagert wurde, durften wir eigenhändig „ernten“. Da traditionell zusammen von einer großen Platte gegessen wird, konnte ich mir, ohne dass es auffiel, einfach die Kartoffeln und Zwiebeln raus picken. Lecker war’s und sau gemütlich in der warmen Jurte. Bevor wir uns zum Schlafen legten, gab’s noch ne Ukulele-Session. „Der Kuckuck und der Esel“ kam bei Ostri und Orsbai, den beiden Hirten, richtig gut an und als Ostri sich die Ukulele schnabbte, voller Inbrunst einen herzzerreißend emotionalen Song auf kirgisisch schmetterte, fiel gar nicht auf, dass er die Ukulele nur schrabbelte ohne die geringste Ahnung von Akkorden zu haben. Ja, da bekamen wir, glaube ich, alle eine Gänsehaut. Ein Instrument dabei zu haben ist wirklich ein schönes Mittel, um bei all der Gastfreundschaft auch etwas geben zu können, und sind es nur einfache deutsche Kinderlieder.

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Mitten in Kigistan naht dann das Wiedersehen mit Ivan. Als Treffpunkt vereinbaren wir den Son-Kul-Lake, ein auf 3000m Höhe gelegener Bergsee. Da für uns alle schwer zu planen ist wann wir genau dort ankommen, wie auch einige Tage vor dem Treffpunkt kein Handynetz haben werden, vereinbaren wir einen GPS-Point und ein Zeitfenster von 2 Tagen um dort einzutreffen. Oben am See angekommen schließen wir Wetten ab, wann unser, doch manchmal etwas chaotischer Ivan, ankommen wird. Keiner von uns hat damit gerechnet, dass schon nach einer halben Stunde ein schwarzer Punkt am Horizont erscheint. Ein tonnenschwer beladener Radler-Ivan nähert sich uns und die Wiedersehensfreude ist groß. Ich kann jedem nur empfehlen, sich mal an einen Punkt mitten in der Pampa zu verabreden, ohne jeglichen Handyempfang. Das ist wirklich ein Erlebnis der besonderen Art!

An die Plumsklos habe ich mich mittlerweile gewöhnt, finde sie sogar angenehmer und hygienischer als die öffentlichen Schüsseltoiletten die man in Deutschland finden kann. Nur auf Toilettenpapier kann ich wirklich nicht verzichten. Ich muss immer schmunzeln was alternativ zum Abputzen bereitsteht. Zerrissene Mathematikschulaufgaben sind da bisher mein persönliches Highlight!
Hin und wieder fängt man sich hierzulande natürlich auch Übelkeit und Dünnpfiff ein. Kurz vor Osh ist es bei mir so dramatisch, dass mir die Kräfte schwinden und ich nach einigen Tagen schließlich zum Antibiotikum greife. Ja, ich brauche dringend eine Pause und Ivans Fahrradrahmen ebenfalls. Der ist mittlerweile nämlich schon das dritte Mal gebrochen und muss dringend geschweißt werden. Einige Tage, Erledigungen und Biere später biegen wir von Osh aus auf die M41, den sogenannten Pamir-Highway. Gemächlich steigen wir auf bequemer Asphaltstraße in Richtung Pamir hinauf, befinden uns allerdings immer noch im Tianshan- Gebirge, in dem Erntezeit angebrochen ist. Oft kommt es vor dass wir inmitten von Gemüsefeldern unser Zelt aufstellen. Die ein oder andere Tomate, Paprika, gelegentlich auch mal ein Maiskolben verschwinden dabei auf unerklärliche Weise. An den Straßenrändern finden sich immer wieder Bäume, voll behangen mit Aprikosen, Äpfeln und Pflaumen. Unsere Campingküche nimmt neue Dimensionen an und das ist toll, denn wenn wir erst mal im Pamir sind, wird es ganz bald schon nichts Frisches mehr für uns geben. Immer mehr Herden, getrieben von Hirte und Hund, kommen uns auf den Straßen talabwärts entgegen. Überall wird das Heu eingeholt und eingelagert. Mit einfachsten Mitteln natürlich, nicht so hochtechnologisiert wie bei uns. Irgendwie ist es also für mich auch eine Reise durch die Jahreszeiten…
Von hinten nähert sich ein kleiner LKW, ganz langsam und – jeahhhh, wir schaffen es alle drei uns an ihn dran zu hängen. Jackpot! Wir lassen uns ziehen bis zum 500 m höher gelegenen Pass. Oben angekommen traue ich meinen feuchtwerdenen Augen kaum. Gänsehaut macht sich breit bei dem Anblick dieser schneeweißen Berge die sich vor mir auftun. Prächtig und mächtig, in unwirklicher Dimension und Naturgewalt steht er da, der PAMIR, auch bekannt als das Dach der Welt – WIR KOMMEN!!

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