Norwegen - Nordland/Troms

Durch Wind und Wetter auf der Inselgruppe Vesterålen.

Es ist Mitternacht, als wir unser Chaos am Flughafen Narvik/Evenes langsam bewältigt bekamen. Tomte sauste mit seinem Laufrad durch die Flughafenhalle, während wir die für den Transport verpackten Räder wieder zusammen schraubten. Explosionsartig lagen unsere Gepäckstücke, Schrauben, Taschen und Werkzeug großflächig um uns herum verteilt und fanden nach und nach ihren Platz am Fahrrad. Wir hatten für die Nacht eine Hütte unweit des Flughafens angemietet. Mit dem Besitzer war vereinbart, dass wir dort auch die für den Flug benötigten Fahrradkartons unterstellen können, damit wir sie in 4 Wochen wieder abholen und für die Rückreise verwenden können. So ganz war der Plan nicht ausgereift. Wir verließen den Flughafen um kurz nach Mitternacht, um die Hütte in knapp zwei Kilometern Entfernung zu erreichen. Chris versuchte dabei, die beiden riesigen, ineinander geschobenen Fahrradkartons auf seinem Fahrrad zu balancieren und scheiterte bei jedem Versuch kläglich. Immer wieder knallten sie zu Boden und Ich war mit Tomte an Bord, leider nur bedingt unterstützungsfähig. Wir hatten es gerade mal 50 Meter weit geschafft und waren maximal ratlos, als ein Transporter neben uns hielt. Der Fahrer bot uns an die Kartons zu transportieren. Wir sausten also dem hilfsbereiten Transporter hinterher bis dieser an einer Baustelle hielt. Genau dort, wo wir auf einen Waldpfad abbiegen mussten um die Hütte zu erreichen. Dankbar nahmen wir die Kartons wieder entgegen. Keine Ahnung, ob wir es ohne Hilfe hätten schaffen können. Zum Abschied drückte uns die Beifahrerin noch eine riesige Tafel Schokolade in die Hand. Als gälte uns der Dank oder vielleicht eher, weil wir bemitleidenswert wirkten so mitten in der Nacht mit einem kleinen Kind, das schon längst im Bett liegen sollte. Vielleicht aber auch nur wegen Tomte, der es, selbst um diese Nachtzeit versteht die Menschen charmant und ohne Worte für sich zu gewinnen. Nun waren es nur noch wenige hundert Meter durch den Wald zu unserem Domizil. Doch wo war der Weg? Der Eigentümer hatte uns eine gute Wegbeschreibung geschickt, jedoch schien der Weg von den Baustellenfahrzeugen wie weggebaggert. Oberhalb einer Abbruchkante konnten wir schließlich im Schein unserer Stirnlampen den Pfad ausmachen. Irgendwie schafften wir es, nach und nach all unser Gerödel dort hinauf zu klettern. Die verbliebenen Meter durch moosbedeckten Boden und Birkenwald waren ein Kinderspiel. Endlich erreichten wir die Hütte. So nah am Flughafen und doch fühlte es sich an, als wären wir lange gereist, hätten viele Hürden genommen und Abenteuer erlebt, um hier her zu kommen. Und irgendwie war es ja auch so. Völlig erschöpft zündeten wir ein paar Kerzen an. Strom gab es nicht. Wir hatten es geschafft. Selten waren wir alle so schnell eingeschlafen.

Am nächsten Morgen präsentiert sich uns der Wald beim Blick aus dem Fenster in warmen Herbstfarben. Der vergangene Tag saß mir noch in den Knochen. Tomte und Papa entfachten das Feuer im Ofen. Wärme machte sich breit und die Tasse Kaffee tat saumäßig gut. Unser erstes kleines Ziel waren die Vesterålen. Eine Inselgruppe nördlich der Lofoten. Um dorthin zu kommen, beschlossen wir eine kleine Abkürzung zu nehmen. Während eines langen Mittagsschlafs von Tomte radelten wir nach Harstad, um dort die Anlegestation der Hurtigruten zu erreichen. Wir hatten noch nicht gefrühstückt, als am nächsten Morgen in der Früh das Schiff anlegte und wir unsere schwer bepackten Räder über die Laderampe rollten. Ob die Fahrradsaison nicht schon vorüber sei, begrüßte uns die Besatzung augenzwinkernd und kümmerte sich sogleich um die Transportsicherung unserer Fahrräder. An Bord der Hurtigruten aßen wir unsere belegten Brote und tranken Kaffee, den wir in der Thermoskanne mitgebracht hatten. Etwa drei Stunden schipperten wir durch herbstlich anmutende Fjord- und Schärenlandschaft, erkundeten mit dem neugierigen Tomte das gesamte Deck, beobachteten die Crew, wie sie bei der nächsten Anlegestelle das Schiff mit schweren Tauen befestigten und staunten über die strudelnde Gischt auf dem Wasser, die das Schiff während der Fahrt auf dem sonst spiegelglatten Wasser hinterließ. Wir wären gerne noch weiter an Bord geblieben, doch für uns war in Sortland die Zeit gekommen, die Hurtigruten zu verlassen.
Hier warteten wir die abendliche Regenfront ab, bevor wir uns am nächsten Tag aufs Rad schwangen um bei frischlichen Temperaturen in den Westen der Inselgruppe, richtung Straume zu fahren. Das Wetter zeigte sich von all seinen Seiten. Uns störte das nicht. Die Bewegung hielt uns warm und Tomte schlief warm eingepackt im windgeschützten Anhänger. Wie immer, wenn Sonne, Wolken und Niederschlag zusammenkommen, durften wir während der Fahrt über die atmosphärischen Lichtspiele staunen. Die Mittagspause verbrachten wir am Ufer des Sandsetfjords. Tomte warf Steine ins Wasser und interessierte sich für die vielen Muscheln die zwischen den rutschigen Felsen zu finden waren, während wir eine wärmende Nudelsuppe kochten und nebenbei ganz viele Fotos knipsten, weils einfach so umwerfend schön war.

Für die nächsten Tage war das Wetter allerdings zu nass, kalt und stürmisch vorhergesagt, um mit einem Kleinkind nördlich des Polarkreises durch die Gegend zu radeln. In einer kleinen Fischerhütte, einer sogenannten Rorbuer-Hütte, gelegen am Straumefjord, verbrachten wir gemütliche Tage, bis das Wetter, naja, zumindest ein klein bisschen stabiler wurde. Einen Ausflug am Tag ließen wir uns trotzdem nicht nehmen. Ich erinnere mich gerne an die Wanderung zum Leuchtturm oder den Sandstrand am benachbarten Fjord, an dem Tomte bei pfeifendem Wind im Schneeanzug fröhlich sandelte, zwischendurch aufs Meer, in die tobenden Wellen blickte oder in den Himmel sah um dem Geräusch des Windes nachzugehen. Die Faszination war ihm wahrlich anzusehen. Man kennt das ja im Herbst. Man kann entweder Glück haben und erlebt goldenes Sonnenlicht, eine Landschaft in warmen Farbtönen, milde Temperaturen, fast spätsommerliche Atmosphäre oder genau das Gegenteil: Nässe, Kälte, Grautöne. Letzteres sollte das Wetter für unsere gesamte Zeit in Norwegen sein, doch wir machten, wie gewohnt, das Beste daraus.

Wir haben den hohen Norden, gerade wegen seines rauen, wilden Charakters, lieben gelernt und kommen immer wieder gerne zurück. Wie es sich wohl anfühlt hier zu leben? Kurze Sommer, in denen die Sonne kaum untergeht. Lange Winter, geprägt von unwirtlicher Kälte und Dunkelheit. Der Norden Skandinaviens ist dünn besiedelt, aber wann immer sich die Gelegenheit ergibt, fragen wir Einheimische, was sie daran schätzen, in dieser Umgebung zu leben. Meist bekamen wir als Antwort, dass es, im Gegensatz zu den großen Städten im Süden, die Sicherheit sei. In Oslo könne man ja des Nachts nicht mehr vor die Tür gehen, vom Festland- Europa ganz zu schweigen. Uns erstaunt diese, sich immer wieder wiederholende Antwort. Beim besten Willen können wir uns nicht vorstellen, dass Oslo ein solch kriminelles, unsicheres Pflaster ist. Und auch in Deutschland bewegen wir uns mit einem sicheren Gefühl durch Stadt und Land. Wie entsteht also eine solche Wahrnehmung? Ist es die Abgeschiedenheit? So weit weg vom Rest der Welt ist der Abgleich mit der Realität vielleicht weniger möglich. Sind es hier maßgeblich die Medien, die das Bild einer gefährlichen Welt vermitteln, weil es nunmal eher die negativen Schlagzeilen sind, die in den Nachrichten landen? Ein bisschen muss ich auch über die Antwort der Norweger schmunzeln. In Deutschland konsumieren wir so viele Krimis und Thriller, die in Gegenden wie dieser hier spielen. Einem Norweger dem ich das erzähle, wundert das.

Eines Morgens, auf dem Campingplatz in Sortland, wurden wir von einer eingeschneiten Landschaft überrascht. Noch im Schlafanzug, zogen wir uns rasch die Daunenjacken über, um draussen den Schnee willkommen zu heißen. Es war der erste Schnee, den Tomte bewusst erlebte. Kaum aus der Tür rutschte er und fiel erstmal in den Schnee, bevor er staunend sein eingeschneites Laufrad betrachtete. Was für ein Wunder! Für die nächsten Tage hatten wir geplant, eine eher abgeschiedene Strecke zu befahren. Es war atemberaubend schön. Nach einigen Kilometern durch ein weites, verschneites Tal, tat sich vor uns ein Fjord auf, an dessen Ende der Sonnenuntergang seine Farben präsentierte. Nur kurze Zeit später erreichten wir unseren Übernachtungsplatz, eine Blockhütte mit Blick aufs Wasser. In der Nacht sanken die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Der Himmel war sternenklar. Perfekte Voraussetzungen um die Polarlichter zu beobachten. Wir warteten bis Mitternacht und dann zeigten sie sich tatsächlich. Quer über den Nachthimmel erstreckten sich grün leuchtende, sich sachte bewegende Bänder. Am liebsten wären wir noch lange in dieser romantisch eingeschneiten Blockhütte geblieben. Dafür hatten wir aber nicht genügend Vorräte und ein bisschen freuten wir uns auch auf die den nächsten abenteuerlichen Streckenabschnitt jenseits der autobefahrenen Straßen. Bei eisigen minus 4 Grad setzten wir kurz vor Mittag die Reise fort. Genau so lange, bis urplötzlich das Hinterrad des Anhängers zur Seite klappte. Wir trauten unseren Augen kaum. Wie konnte das passieren? Beim genaueren hinsehen bemerkten wir, dass sich eine Mutter gelöst hatte. Dadurch rutschte eine Schraube aus der Verankerung, die noch dazu verbog. Der Schaden ließ sich nicht ohne weiteres beheben. Tomte war gerade eingeschlafen, bemerkte natürlich, dass etwas nicht stimmte und wachte auf. Die Situation war einfach absolut ungünstig. Wir hofften, in die Hütte zurück kehren zu können, doch war diese leider schon ausgebucht. Zum Glück bot ein Freund der Vermieterin an, uns mit seinem Allrad-Fahrzeug abzuholen und in die nächste Stadt zu bringen. Während wir warteten, schlief Tomte, dick eingekuschelt in Schneeanzug und Schlafsack, in meinen Armen ein.

Es waren die letzten Tage unserer Radtour. Die Temperaturen kletterten wieder knapp über den Gefrierpunkt. Es regnete und durch die Panne mit dem Anhänger mussten wir uns ein wenig beeilen, um rechtzeitig wieder am Flughafen zu sein. Die Idee war also, dass Chris mit dem wieder fahrtauglichen Anhänger durch das kalte Nass radelt und ich mit Tomte den Minibus nehmen, der auf dieser Strecke verkehrt. Soweit so gut. Leider kam der entsprechende Bus nicht und leider fuhr der nächste erst am kommenden Tag. Chris war zu diesem Zeitpunkt schon 30 km entfernt. Als ich ihn anrief, hielt er an einer Raststätte an, um mit mir eine Lösung zu finden. Zufällig kam er dort mit Nikolai ins Gespräch, der gerade dabei war, seinen LKW zu reparieren. Aus Mangel an Ersatzteilen konnte er früher Feierabend machen und bot kurzerhand an, Tomte und mich mit seinem privaten Pick-Up abzuholen. Dann war da noch Beate, eine ältere Dame, die uns beobachtete, wie wir an unserem letzten Fahrtag bei strömendem Regen in einem offenen Schuppen gegenüber ihres Wohnhauses eine Pause einlegten. Sie lud uns in ein, in ihre warme Stube zu kommen, uns aufzuwärmen und einen Kaffee zu trinken. Beate sprach gutes Englisch, und so konnten wir nicht nur erfahren, wie sie vor vielen Jahrzehnten dazu kam an diesen Ort zu ziehen, sondern auch, dass vor ihrer Haustür stündlich ein Bus nach Harstad fährt. Dort wollten wir zwar erst am nächsten Tag hin, aber das war uns bei dem Regen grad egal. Der Busfahrer war, genau wie alle anderen BusfahrerInnen die wir hier oben kennen lernten, unglaublich entspannt und nahm uns alle Drei mit samt unseren matschig-nassen und bepackten Rädern im Fahrgastbereich mit. Voller Dankbarkeit für die Hilfe die wir erfahren haben und die schöne Landschaft die wir sehen durften, beendeten wir erschöpft und voller Vorfreude auf eine gemütliche Vorweihnachtszeit in Kirchlengern, unsere Radreise im hohen Norden.

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